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#2: Leonardo Vertone – Kinder- und Jugenddelinquenz aus forensischer Sicht

Jugenddelinquenz

Zur Person

lic. phil. Leonardo Vertone ist Co-Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforensik (ZKJF). Seit 2005 ist er im ZKJF als Psychologe und in leitender Funktion tätig.

Nach dem Studium der Psychologie, der klinischen Psychopathologie und der Kriminologie an der Universität Zürich bildete er sich am Klaus-Grawe-Institut Bern und Zürich zum Fachpsychologen Psychotherapie (MASPT) FSP weiter.

Seine psychotherapeutischen Erfahrungen machte er am Klaus-Grawe-Institut (Erwachsene), im ZKJF (Jugendliche) und in eigener Praxis (alle Altersklassen).

Inhalt

Diese Episode von Criminology-Cast beschäftigt sich mit dem Thema der Kinder- und Jugenddelinquenz. Der Forensik-Experte Leonardo Vertone, Co-Leiter und Chefpsychologe am Zentrum für Kinder- und Jugendforensik der Psychiatrischen Uniklinik Zürich, teilt seine langjährige Erfahrung in der Arbeit mit straffällig gewordenen Jugendlichen und gewährt spannende Einblicke in die Hintergründe und Dynamiken der Jugenddelinquenz.

Die Diskussion beginnt mit der Frage, ob Jugendkriminalität tatsächlich zunimmt oder ob es sich um ein gesellschaftlich konstantes Phänomen handelt. Vertone erläutert, dass Jugendliche in der Regel an Grenzen stossen und diese manchmal überschreiten – ein Verhalten, das auch historisch belegt ist. Er spricht über die häufigsten Delikte und erklärt, warum gerade Gruppenverhalten eine entscheidende Rolle spielt.

Ein zentraler Punkt des Gesprächs ist die Ursachenforschung: Welche Faktoren begünstigen straffälliges Verhalten? Vertone betont, dass es sich meist um eine Mischung aus biologischen, psychologischen und sozialen Einflussfaktoren handelt. Besonders die Adverse Childhood Experiences (ACEs), also belastende Kindheitserfahrungen, haben einen signifikanten Einfluss. Kinder, die in instabilen Verhältnissen aufwachsen oder Vernachlässigung und Gewalt erfahren, haben ein erhöhtes Risiko, delinquentes Verhalten zu zeigen. Doch auch Entwicklungsstörungen wie ADHS oder Impulskontrollprobleme können eine Rolle spielen.

Neben der Ursachenanalyse wird auch einen Blick auf die Therapie und Intervention geworfen. Viele Jugendliche gelangen unfreiwillig in forensische Behandlung, was die Arbeit mit ihnen herausfordernd macht. Vertone beschreibt, wie es dennoch gelingt, Vertrauen aufzubauen und langfristige Veränderungen herbeizuführen. Die durchschnittliche Dauer einer Therapie beträgt etwa ein Jahr, in schwereren Fällen kann sie sich jedoch über mehrere Jahre erstrecken. Wichtige Elemente einer erfolgreichen Behandlung sind der Aufbau stabiler sozialer Strukturen und die Förderung von Schutzfaktoren, etwa durch Vereinsaktivitäten oder den Eintritt ins Berufsleben.

Ein weiteres Thema ist die Erstellung forensischer Gutachten. Diese spielen eine zentrale Rolle bei der Einschätzung des Rückfallrisikos und der Entwicklung passender Massnahmen. Vertone erklärt, warum es nicht einfach darum geht, eine Zahl für die Rückfallwahrscheinlichkeit zu berechnen, sondern vielmehr darum, die spezifischen Risikofaktoren zu analysieren und zu managen. Auch die gesellschaftliche Wahrnehmung von Jugendkriminalität wird beleuchtet: Während Medien häufig einen drastischen Anstieg suggerieren, zeigt die Forschung, dass sich die Zahlen über die Jahrzehnte hinweg kaum verändert haben.

Besondere Einblicke liefert Vertone auch durch konkrete Fallbeispiele. So berichtet er von einem Jugendlichen, der durch intensive Betreuung von einer kriminellen Karriere abgehalten werden konnte, sowie von herausfordernden Fällen, in denen es schwierig ist, Zugang zu den Jugendlichen zu finden.

Als Fazit lässt sich sagen: Jugendkriminalität ist ein komplexes Phänomen, das durch gezielte Prävention und therapeutische Massnahmen deutlich reduziert werden kann. Ein umsichtiger Umgang mit straffälligen Jugendlichen und eine fundierte, professionelle Betreuung sind entscheidend, um ihnen langfristig eine positive Zukunftsperspektive zu ermöglichen.

Weiterführende Materialien