Zur Person
In dieser Episode des Criminology-Cast spricht der Gastgeber mit Nora Markwalder, Professorin für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie an der Universität St. Gallen. Ihre Forschung fokussiert sich seit über 15 Jahren auf das Phänomen der Tötungsdelikte, insbesondere im Rahmen des Swiss Homicide Monitor, einer umfassenden Datenbank zur systematischen Erfassung und Analyse von Homiziden in der Schweiz. Markwalder hat ihre akademische Ausbildung an der Universität Lausanne begonnen, bevor sie an die Universität Zürich wechselte, wo sie als Assistentin von Martin Kilias tätig war. Ihre Dissertation widmete sie dem Thema Raubmord, und sie verfügt zudem über internationale Forschungserfahrung aus den USA. Neben ihrer wissenschaftlichen Laufbahn war sie zeitweise als Anwältin tätig.
Inhalt
Die Episode widmet sich der Untersuchung von Tötungsdelikten aus einer strafrechtlichen und kriminologischen Perspektive. Markwalder erläutert zunächst die begrifflichen und methodischen Grundlagen der Forschung. Während die juristische Definition von Tötungsdelikten unterschiedliche Kategorien umfasst, darunter vorsätzliche Tötung, Mord oder Totschlag, verfolgt die kriminologische Analyse einen umfassenderen Ansatz. Sie fokussiert sich auf die empirische Erfassung von Tötungsdelikten unabhängig von der spezifischen rechtlichen Kategorisierung, um gesellschaftliche Muster und Entwicklungen sichtbar zu machen.
Ein zentraler Aspekt der Diskussion ist der langfristige Rückgang der Tötungsdelikte in der Schweiz seit den 1990er Jahren. Während in den frühen 1990er Jahren noch jährlich rund 100 Tötungsdelikte registriert wurden, liegt die Zahl heute bei durchschnittlich 40 pro Jahr. Markwalder verweist darauf, dass dieser Rückgang insbesondere auf die Abnahme von Tötungsdelikten im öffentlichen Raum zurückzuführen ist. Fälle, die im kriminellen Milieu oder im Zusammenhang mit gewalttätigen Auseinandersetzungen unter Männern stattfinden, sind über die letzten Jahrzehnte signifikant zurückgegangen. Hingegen bleibt die Zahl der Tötungsdelikte innerhalb von Partnerschaften weitgehend konstant, was auf strukturelle Risikofaktoren hinweist, die weniger von allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflusst werden.
Ein weiterer thematischer Schwerpunkt liegt auf den Tatmitteln. Während der Einsatz von Schusswaffen in den 1990er Jahren noch in über 50 Prozent der Fälle dokumentiert wurde, liegt dieser Anteil heute bei etwa einem Drittel. Gleichzeitig nimmt der Einsatz von Stichwaffen zu. Diese Entwicklung könnte auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sein, darunter eine restriktivere Regulierung des Schusswaffenbesitzes sowie Veränderungen im Zugang zu potenziellen Tatmitteln. Die kausalen Zusammenhänge dieser Entwicklungen sind jedoch noch nicht abschliessend erforscht.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Täter-Opfer-Beziehung. Die Daten des Swiss Homicide Monitor zeigen, dass die Mehrheit der Tötungsdelikte innerhalb bestehender sozialer Beziehungen stattfindet. Besonders Partnerschaftstötungensind ein bedeutendes Phänomen, wobei Frauen deutlich häufiger Opfer dieser Delikte sind. Markwalder hebt hervor, dass insbesondere Trennungssituationen eine kritische Phase darstellen, in der das Risiko für tödliche Gewalt signifikant ansteigt. Präventive Massnahmen sollten daher insbesondere darauf abzielen, gefährdete Personen frühzeitig zu identifizieren und Schutzmechanismen zu verstärken.
Ein weiteres bemerkenswertes Muster betrifft Tötungsdelikte im höheren Lebensalter. In einer beträchtlichen Anzahl von Fällen töten ältere Männer ihre langjährigen Partnerinnen, häufig unter Verwendung von Schusswaffen. Diese Taten stehen oft im Kontext schwerer Erkrankungen und werden teilweise als eine Form des erweiterten Suizids interpretiert. Trotz der gesellschaftlichen Relevanz wird dieses spezifische Phänomen bislang wenig erforscht und findet in der öffentlichen Debatte nur selten Beachtung.
Markwalder betont abschliessend, dass die kriminologische Forschung nicht nur der retrospektiven Analyse dient, sondern auch als Grundlage für die Entwicklung von Präventionsstrategien genutzt werden sollte. Besonders im Bereich der häuslichen Gewalt seien vertiefte Analysen erforderlich, um die Risikofaktoren zu identifizieren, die zur Eskalation führen. Eine zentrale Forschungsfrage bleibt, welche Merkmale dazu beitragen, dass häusliche Gewalt in einigen Fällen tödlich eskaliert, während sie in anderen Fällen nicht diesen Verlauf nimmt.
Diese Episode bietet eine wissenschaftlich fundierte Analyse des Themas Homizid und zeigt, wie kriminologische Forschung dazu beitragen kann, die Mechanismen hinter Tötungsdelikten besser zu verstehen und darauf aufbauend präventive Massnahmen zu entwickeln.