Einleitung und Vorstellung des Gastes
Willkommen zu dieser Folge. Heute widmen wir uns einem sehr ernsten und wichtigen Thema: Kindesmisshandlung und Kinderschutz. In der Schweiz werden jedes Jahr hunderte von Fällen bekannt, in denen Kinder Gewalt erfahren. Gewalt gegen Kinder hat viele Gesichter – von körperlicher und psychischer Misshandlung bis hin zur Vernachlässigung
Wie kann man solche Fälle frühzeitig erkennen? Welche Hilfsangebote gibt es? Und was muss getan werden, um betroffene Kinder besser zu schützen oder überforderte Eltern zu unterstützen? Darüber spreche ich heute mit Dr. Markus Wopmann.
Herr Wopmann, es freut mich sehr, dass Sie sich Zeit nehmen. Sie sind Kinderarzt, Experte im Kinderschutz und langjähriger Leiter der Fachgruppe Kinderschutz der Schweizer Kinderkliniken. Schon 1991 haben Sie am Kantonsspital Baden eine der ersten Kinderschutzgruppen gegründet. In Ihrer über 30-jährigen Laufbahn haben Sie unzählige Kinder begleitet und sich für ihren Schutz eingesetzt. Dafür wurden Sie 2017 zum „Aargauer des Jahres“ gewählt. Inzwischen sind Sie pensioniert, aber nach wie vor als Arzt im Ärztezentrum in Würenlos aktiv.
Wie sind Sie eigentlich Kinderarzt geworden? War das schon immer ein Berufswunsch oder gab es bestimmte Ereignisse?
Ich habe lange überlegt, ob ich Lehrer werden soll – ebenfalls eine Tätigkeit mit Kindern. Aus irgendeinem Grund bin ich dann von der pädagogischen zur medizinischen Seite gewechselt. Ein konkretes Schlüsselerlebnis gab es nicht, aber für mich stand immer im Vordergrund, mit Kindern zu arbeiten.
Wie sind Sie vom medizinischen in den Kinderschutz gekommen? Das ist ja nicht unbedingt deckungsgleich.
Als ich am Kinderspital Zürich in Weiterbildung war, erlebte ich meinen ersten schweren Fall von Kindesmisshandlung – ein Kind, das gestorben ist. Ich habe gemerkt, dass nicht nur ich, sondern auch viele Kolleginnen und Kollegen überfordert waren. Wir wussten kaum, was das ist, wie schwer es sein kann und wie man damit umgeht. Das war für mich das Schlüsselerlebnis, um diesen Bereich zu professionalisieren.
Begriffe und Erscheinungsformen der Misshandlung
Man spricht von Kindeswohlgefährdung, Missbrauch, Misshandlung – wie bezeichnet man das korrekt?
Im Deutschen ist das schwierig. Meistens spricht man von Kindesmisshandlung und sexuellem Missbrauch. „Kindeswohlgefährdung“ ist ein juristischer Terminus, vor allem bei den Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden. Er umfasst Situationen, in denen Kinder gefährdet sind, auch wenn noch nichts passiert ist. Kindesmisshandlung hingegen liegt dann vor, wenn bereits etwas geschehen ist.
Welche Typen unterscheidet man in der Fachwelt?
Die erstbeschriebene Form war die körperliche Misshandlung – „the battered child“ –, 1961 vom Kinderarzt Henry Kempe beschrieben. Das umfasst jede Form von körperlicher Gewalt, bis hin zur Tötung.
Daneben gibt es Vernachlässigung: Kinder, deren Bedürfnisse nicht altersgerecht erfüllt werden.
Drittens psychische Misshandlung: Kinder, die ständig abgewertet oder bedroht werden. Dazu gehört auch das Miterleben häuslicher Gewalt.
Schliesslich sexueller Missbrauch: der Einbezug von Kindern in sexuelle Handlungen, denen sie aufgrund ihres Alters nicht zustimmen können.
Wie grenzt man psychische Misshandlung ab – zum Beispiel von Erziehung mit Strafen wie Fernsehverbot?
Es geht um das Muster. Ein einmaliges Anschreien hat eine andere Bedeutung als systematische Abwertung oder wiederholte Drohungen. Psychische Misshandlung ist schwer zu erfassen, weil sie sich oft im engen familiären Rahmen abspielt.
Und wie sieht es beim sexuellen Missbrauch aus – auch dort gibt es Abgrenzungsprobleme?
Ja, zum Beispiel bei körperlicher Nähe in der Familie. Entscheidend ist, ob eine sexuelle Motivation dahintersteht. Das ist oft schwer zu beurteilen. Gesellschaftliche Normen spielen ebenfalls eine Rolle.
Neben aktiven Handlungen wie Schlagen oder Missbrauch gibt es auch Vernachlässigung. Welche Formen sind typisch?
Das ist altersabhängig. Ein Säugling, der nichts zu essen bekommt, stirbt. Ein 15-Jähriger kann sich selbst versorgen. Vernachlässigung betrifft Ernährung, Hygiene, Kleidung, Betreuung, emotionale Zuwendung oder auch kognitive Förderung. In Extremfällen führt sie zu schweren Entwicklungsstörungen.
Was ist das sogenannte Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom?
Das ist eine seltene, aber schwere Form: Eltern – meist Mütter – fügen ihren Kindern Symptome zu oder täuschen sie vor, um medizinische Aufmerksamkeit zu bekommen. Das kann von manipuliertem Urin bis zur Verabreichung von Medikamenten reichen. Kinder können dadurch ernsthaft erkranken oder sterben.
Erkennen und Folgen von Misshandlung
Treten die verschiedenen Formen meist getrennt auf, oder überschneiden sie sich?
Fast immer überschneiden sie sich. Wer sein Kind schlägt, misshandelt es oft auch psychisch und vernachlässigt es. Einzige Ausnahme: sexueller Missbrauch, der häufiger isoliert vorkommt.
Was sind die Folgen für die Kinder?
Das ist unterschiedlich. Manche Kinder sind sehr resilient und überstehen auch schwere Misshandlungen ohne sichtbare Spätfolgen. Andere zerbrechen an vergleichsweise „leichteren“ Erlebnissen. Psychische Misshandlung hat besonders gravierende Langzeitfolgen: Bindungsstörungen, psychische Erkrankungen, Probleme in der Sexualität.
Welche Formen sind in der Praxis am häufigsten?
Nach Daten der Schweizer Kinderkliniken:
- körperliche Misshandlung (ca. 30 %)
- Vernachlässigung, psychische Misshandlung, sexueller Missbrauch – ähnlich häufig
Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ist sehr selten, aber gravierend.
Gibt es Unterschiede nach Alter oder Geschlecht?
Etwa die Hälfte der betroffenen Kinder ist im Vorschulalter. Ein klarer Geschlechtsunterschied zeigt sich nur beim sexuellen Missbrauch: Mädchen sind deutlich häufiger betroffen, ausser in der Altersgruppe 0–6, wo es ausgeglichen ist.
Risikofaktoren und Schutz
Welche Risikofaktoren gibt es auf Seiten des Kindes und der Eltern?
Bei Kindern: Schreibabys, Behinderungen, chronische Krankheiten.
Bei Eltern: sehr junge Eltern, Alleinerziehende, Armut, soziale Isolation, psychische Erkrankungen oder Sucht, geringe erzieherische Kompetenzen.
Hinzu kommt ein autoritärer Erziehungsstil oder die Weitergabe von Gewaltmustern über Generationen.
Und gibt es auch Schutzfaktoren?
Ja: stabile Beziehungen, verlässliche Strukturen, unterstützende Netzwerke. Manche Eltern, die selbst Gewalt erfahren haben, nehmen sich bewusst vor, es anders zu machen. Auch professionelle Unterstützung – etwa durch Kinderärzte oder Beratungsstellen – wirkt protektiv.
Praxis, Prävention und System Kinderschutz
Wie werden Sie als Arzt auf Misshandlung aufmerksam?
Oft durch Zufälle: Verletzungen, die nicht zur Geschichte passen, widersprüchliche Angaben der Eltern, typische Muster wie gleichförmige Striemen oder Bissabdrücke. Häufig bringen nicht die Eltern, sondern Schulen oder Kitas Verdachtsfälle ins Rollen.
Wie gehen Sie mit einem Verdacht um?
Man braucht hinreichende Sicherheit. Zuerst prüfen: ist das Kind akut gefährdet? Dann Zusammenarbeit mit den Eltern oder – bei schwereren Fällen – Meldung an die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde. Strafanzeigen machen nur 5–10 % der Fälle aus.
Gibt es Screening-Instrumente?
Nein, verlässliche nicht. Wichtig sind Aussagen der Kinder ab etwa drei Jahren. Fachgruppen in Spitälern besprechen Fälle interdisziplinär.
Und wie ist das System insgesamt organisiert – gibt es Probleme wie „Doctor Shopping“?
Ja, Eltern wechseln manchmal die Ärzte, um Verdacht zu vermeiden. Es gibt leider kein zentrales Informationssystem zwischen Spitälern. Man ist auf Hinweise und kollegiale Rücksprache angewiesen.
Was können Privatpersonen tun, wenn sie Zeuge werden – etwa im Supermarkt?
Hingehen, Hilfe anbieten, ansprechen. Im schlimmsten Fall wird man abgewiesen, dann kann man eine Meldung machen. Nachbarn sollten Beobachtungen nicht ignorieren.
Entwicklung und Ausblick
Wie hat sich der Kinderschutz in der Schweiz entwickelt?
Deutlich verbessert: mehr Beratungsstellen, Schulsozialarbeit, Kinderschutzgruppen in Spitälern, professionelle Behörden seit 2013. Die Strukturen sind gut, Fehler passieren eher individuell.
Was braucht es noch?
Mehr Aufklärung, vor allem zur miterlebten häuslichen Gewalt. Viele Eltern unterschätzen, wie sehr Kinder darunter leiden. In der Schweiz setzt man traditionell auf Freiwilligkeit, etwa bei Elternkursen. Ob man mehr Obligatorien braucht, ist umstritten.
Schluss
Zum Abschluss: Was möchten Sie den Zuhörerinnen und Zuhörern mit auf den Weg geben?
Elternsein ist etwas sehr Schönes, manchmal belastend, aber erfüllend. Die allermeisten Eltern handeln verantwortungsvoll. Wir sprechen über eine Minderheit. Mein Wunsch: Wenn Eltern an ihre Grenzen stossen, sollen sie rechtzeitig Hilfe holen – bevor sie diese Grenzen überschreiten.
Das war der Criminology-Cast. Ich hoffe, die Folge hat dir gefallen. Wenn du Lust auf weitere Folgen hast, abonniere den Podcast – es erwarten dich spannende Themen und interessante Gäste.