Diese Podcast-Folge beleuchtet mit dem Kriminologen Dirk Baier (ZHAW; seit 02/2024 ao. Professor UZH) das Phänomen der Kriminalitätsfurcht: Was sie prägt, wie sie gemessen wird und was dagegen hilft. Für die Schweiz zeigen Befragungen konstant hohe Sicherheitsgefühle (≈ 9 von 10 Personen), während in Deutschland subjektive Sicherheit tendenziell sinkt. Auf Aggregatebene verlaufen in der Schweiz objektive Kriminalität und Furcht meist parallel. Als wichtigste Einflussfaktoren nennt Baier (1) Persönlichkeitsmerkmale/Vulnerabilität (inkl. Geschlechterunterschiede), (2) Medienkonsum – insbesondere boulevardeske, nicht-kontextualisierte Berichterstattung – und (3) nachbarschaftliche Incivilities; Opfererfahrungen wirken nur moderat. Bei Jugendlichen ist die Mehrheit eher furchtlos; die verbreitete Messerbewaffnung deutet weniger auf Angst als auf ein übersteigertes Männlichkeitsbild hin. Methodisch kritisiert Baier den klassischen „nachts allein unterwegs“-Indikator und plädiert für mehrdimensionale Messungen inkl. Vermeidungsverhalten. Prävention sollte Angsträume städtebaulich reduzieren (Beleuchtung, Einsehbarkeit, Belebung) und Medien zu sachlicher Kontextualisierung anhalten; eine punitiv-polizeiliche Strategie ist hierfür ungeeignet. Überzogene Furcht birgt das Risiko politischer Überreaktionen (gegen Jugendliche/Migrant*innen). Insgesamt: hohe Sicherheit in der Schweiz, differenzierte Ursachen der Furcht – und konkrete Hebel jenseits reiner Repression.
Intro
Ja, hast du dich auch schon mal dabei ertappt, wie du nachts deinen Heimweg änderst, weil du bestimmte Unterführungen meidest, in denen du dich unsicher fühlst? Oder hast du schon einmal die Straßenseite gewechselt, um einer Gruppe betrunkener Jugendlicher auszuweichen? Vielleicht hast du dich im Bus in die Nähe der Fahrerin oder des Fahrers gesetzt, weil du dich dort sicherer fühlst? Oder hast du, wenn du allein unterwegs warst, deinen Schlüsselbund so in die Hand genommen, dass du ihn im Notfall als Waffe einsetzen könntest? Solche Entscheidungen treffen wir oft intuitiv – sie weisen auf etwas hin, das über eine rein rationale Risikoabwägung hinausgeht: unser individuelles Sicherheitsgefühl. In dieser Episode geht es um ein Thema, das in der Kriminologie eine wichtige Rolle spielt: Kriminalitätsfurcht. Was beeinflusst unser subjektives Unsicherheitsempfinden? Welche Rolle spielen Medien oder frühere Kriminalitätserfahrungen? Und warum fürchten sich Menschen überhaupt, obwohl die Kriminalitätsraten – gerade bei schweren Straftaten – in vielen Ländern vergleichsweise tief sind und andere Risiken (z. B. Verkehrsunfälle) deutlich größer? Das möchte ich heute mit dem Kriminologen Dirk Baier besprechen, der mir hier an der ZHAW in Zürich vis-à-vis sitzt.
Einleitung und Vorstellung des Gastes
Lieber Dirk, schön bist du da – danke, dass du dir Zeit nimmst, mit mir über dieses, könnte man sagen, ur-kriminologische Thema zu sprechen. Deine Perspektive ist besonders spannend, weil du selbst in diesem Bereich intensiv geforscht hast. Bevor wir loslegen, ein paar Worte zu dir für alle, die dich noch nicht kennen:
Du bist in Sachsen (Deutschland) geboren und aufgewachsen, hast in Chemnitz Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaft studiert, warst wissenschaftlicher Mitarbeiter und später stellvertretender Direktor am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KfN) in Hannover. Seit 2015 leitest du das Institut für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW und wurdest im Februar 2024 zum Außerordentlichen Professor für Kriminologie an der Universität Zürich ernannt. Deine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Jugendkriminalität sowie in der Gewalt- und Extremismusforschung. Vor wenigen Wochen wurden die neuesten Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik vorgestellt und in den Medien diskutiert. Praktisch immer heißt es dann, die Bevölkerung fühle sich unsicher und es müsse dringend etwas getan werden, um gegenzusteuern. Wenn wir das nun wissenschaftlich-nüchtern und gestützt auf empirische Daten anschauen: Wie sicher oder unsicher fühlt sich die Schweizer Wohnbevölkerung effektiv? Gibt es dazu Untersuchungen?
Einstieg ins Gespräch: Warum Kriminalitätsfurcht erforschen?
Erstmal hallo, David – vielen Dank, dass ich hier sein darf und mit dir über die Kriminalitätsforschung – ich nenne sie gern die „subjektive Seite der Kriminalität“ – plaudern darf. Das Thema wird zunehmend wichtiger. Man könnte meinen: Weil Kriminalität zurückgeht, sucht man sich als Kriminologe andere Themen – etwa Wahrnehmungen, Gefühle, Eindrücke der Menschen. Aus meiner Sicht sind sie kriminalpolitisch wichtig: Präventionsmaßnahmen richten sich oft an der Frage aus, wie man Unsicherheitsgefühle reduziert. Die Polizei nimmt sich teilweise vor, Kriminalitätsfurcht zu verringern – aus meiner Sicht ein ungeeigneter Auftrag für die Polizei; können wir gern noch besprechen. Kurz: Ja, es gibt Möglichkeiten, das zu untersuchen.
Datenlage: Sicherheitsgefühl in der Schweiz und in Deutschland
Der „Klassiker“ ist die Frage, wie sicher sich Menschen fühlen, wenn sie allein in ihrem Wohnumfeld unterwegs sind – eine Situation, die man gar nicht so häufig erlebt, aber als Indikator etabliert ist. Für die Schweiz stelle ich keinen Einbruch des Sicherheitsgefühls fest. In einer jüngeren, großen schweizweiten Befragung sagten rund 90 %: „Ich fühle mich sicher oder sehr sicher.“ Das sollten wir in Öffentlichkeit und Medien nicht geringschätzen. In anderen Ländern sieht es teils anders aus. In Deutschland – wo ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeite – nehmen solche subjektiven Einschätzungen ab; die Wahrnehmung wird negativer. In der Schweiz gilt aktuell: Deutliche Mehrheit fühlt sich sicher, deutliche Mehrheit hat keine Angst.
Also von welchem Prozentbereich reden wir ungefähr?
Wenn in der Schweiz etwa 90 % sagen, sie fühlen sich bei diesem klassischen Indikator sicher, sind es in Deutschland rund 80 %. Nicht dramatisch – aber es war schon mal höher. Ähnliches Bild bei anderen subjektiven Einschätzungen: etwa beim Polizeivertrauen. In Deutschland haben polizeikritische Debatten der letzten Jahre zu Rückgängen beigetragen. In der Schweiz sehen wir das (noch) nicht – über 90 % äußern in Befragungen Vertrauen in die Polizei. Aber: Es gibt Akteure, die Vertrauen zu untergraben versuchen und Unsicherheit säen – auch hierzulande. Das positive Ergebnis ist nicht in Stein gemeißelt.
Mehr als eine Zahl: Heterogenität und Indikatoren
Ist es überhaupt sinnvoll, Kriminalitätsfurcht auf einen einzelnen Wert zu kondensieren? Ein Mittelwert verdeckt ja möglicherweise stark ängstliche Teilgruppen.
Das ist Aufgabe der Wissenschaft: jene Bevölkerungsteile zu identifizieren, in denen das Sicherheitsgefühl gering ist. Wir sehen Unterschiede nach Alter (tendenziell höhere Furcht bei älteren Personen) und in Minderheiten. LGBTIQ-Personen berichten häufiger Unsicherheit; es gibt belegte Angriffe im öffentlichen Raum – nicht massenhaft, aber belegbar.
Zugleich reduzieren wir es nicht nur auf einen Wert. Es ist gut, eine Zahl zu haben („90 % fühlen sich sicher“), aber die subjektive Seite der Kriminalität umfasst mehr: verschiedene Indikatoren der Kriminalitätsfurcht, punitive Einstellungen (Straflust), Einschätzungen der Kriminalitätsentwicklung. Das Gesamtbild besteht aus mehr als einer Zahl – und nicht alle Teilindikatoren sind so positiv. Beispielsweise meint eine deutliche Mehrheit in der Schweiz, die Kriminalität steige – was in der langen Perspektive so nicht stimmt.
Sicherheitsbefragung der Stadt Zürich
Wenn man etwa die Sicherheitsbefragung der Stadt Zürich 2024 anschaut, finden sich 97–99 % „sehr oder eher sicher“. Das wirkt fast paradiesisch – und fast unglaubwürdig, zumal es Gruppen mit höherer Viktimisierung gibt. Wie ordnest du das ein?
97–99 % klingt für mich so, als hätte sich ein Teil der Bevölkerung nicht beteiligt – gerade diejenigen, die den öffentlichen Raum schwieriger finden. Solch extrem positive Werte sind selten. Man sollte sich da nicht zu stark auf die Schulter klopfen, sondern kritisch prüfen, wen man erreicht hat. Befragungen sind wichtig und m. E. deutlich besser als Polizeistatistiken, aber sie machen nicht alles sichtbar. Bestimmte Migrant*innengruppen beteiligen sich z. B. seltener (Sprachbarrieren usw.).
Dass etwa 9 von 10 Personen sich sicher fühlen, zeigt sich jedoch konsistent auch in anderen Studien – ein Wert, mit dem man sagen kann: Wir machen einiges richtig. Die 99 % sind für mich eher ein methodisches Artefakt (geringe Teilnahme, Stichprobenprobleme).
Sicherheitsgefühl bei Jugendlichen
Jugendliche sind in Befragungen schwer zu erreichen (Einwilligungen usw.). Seht ihr bei Jugendlichen Unterschiede – fürchten sie sich stärker? In der PKS sah man jüngst Anstiege bei schweren Gewalttaten, Messerbewaffnung etc. Ist das ein Ausdruck von Furcht?
Ich würde zwei Gruppen unterscheiden: Die deutliche Mehrheit der Jugendlichen ist ausgesprochen furchtlos – typisch für Jugend ist, Grenzen zu testen, Räume zu besetzen, abends draußen zu sein, oft in Gruppen (was Schutz bietet). Diese Gruppe hat hohes Sicherheitsgefühl.
Gleichzeitig gibt es Subgruppen mit höherer Viktimisierungswahrscheinlichkeit und mehr Ängsten – etwa Minderheiten; ich wäre sicher, dass jüdische Jugendliche in den letzten zwei Jahren übermäßige Furcht äußern würden, bedingt durch Erlebnisse. Kurz: Es gibt Subgruppen, die aus gutem Grund Ängste haben.
Zu Messern: Jugendliche (und junge Männer bis in die 30er) rüsten nicht aus Angst auf. Das Messer in der Tasche ist Ausdruck eines übersteigerten Männlichkeitsbildes („gehört dazu“, „Freunde haben es auch“). Unsere Befragungen zeigen: Wer wirklich Angst hat, bleibt zu Hause – er rüstet nicht auf und geht bewaffnet aus. Es gibt allerdings eine Aufrüstungsspirale: Wer das Messer des anderen sieht, rüstet auf, um „Gleichstand“ herzustellen. Messer sind leicht verfügbar und als „Gefährlichkeitssymbol“ einfach.
Furchträume
Gibt es typische „Furchträume“ – Orte, die Angst auslösen? Man kann sich ja auch zu Hause fürchten; dort geschehen viele Tötungsdelikte.
Zu Hause ist tatsächlich ein gefährlicher Ort (ein großer Teil der Tötungsdelikte geschieht im häuslichen Kontext) – viele blenden das aus. Klassische Angsträume sind Bahnhöfe und bekannte Hotspots in Städten – oft Orte mit problematischer Architektur: schlecht einsehbar, schwache Beleuchtung, lange Unterführungen ohne Ausweichmöglichkeit. Das weckt Angst – selbst, wenn niemand da ist. Beispiele sind Unterführungen (etwa an der Langstraße): keine Fluchtwege, „Gefangensein“. Auch zwischen Gebäuden gilt: fehlende Beleuchtung und Einsehbarkeit.
Ein weiterer Faktor sind „Incivilities“ – Zeichen sozialen Verfalls: Graffiti, Müll, eingeschlagene Scheiben. Sie signalisieren, dass Normen nicht beachtet werden, niemand sich kümmert – das beunruhigt. Forschungssicht: Es ist ein Faktor unter mehreren.
Also nicht die Incivilities selbst lösen Furcht aus, sondern das Gefühl, dass im Quartier niemand helfen würde?
Genau. Wo Incivilities existieren, wird die informelle Sozialkontrolle als schwach wahrgenommen. Das Gefühl „mir wird nicht geholfen“ führt zum Rückzug – und der reduziert Belebbarkeit, schwächt Zusammenhalt und Interventionsbereitschaft weiter. Ein Präventionsansatz ist, Räume zu beleben: Menschen ermutigen, rauszugehen, Präsenz zu zeigen.
Ist das der Grund, warum Furcht in der Stadt oft stärker ausgeprägt ist als auf dem Land?
In Städten gibt es höhere Kriminalitäts- und Anzeigeraten (Anonymität, Anzeige des „Fremden“ wahrscheinlicher als des Nachbarn). Bekanntheit, Beziehungen, Vertrautheit spielen eine Rolle. Aber ich möchte kein idyllisches Land- vs. desorganisiertes Stadt-Bild zeichnen. In Städten funktioniert viel sehr gut; teils sind höhere Raten Ausdruck aktiver Bearbeitung (Anzeige). Auf dem Land bleibt manches unter der Oberfläche.
Kriminalitätsfurcht vs. objektives Risiko
Wie stark hängt das subjektive Sicherheitsempfinden mit dem objektiven Risiko zusammen? Ist Kriminalitätsfurcht oft irrational?
Zwei Perspektiven:
- Mikroperspektive: Eigene Opfererfahrungen als Prädiktor der Furcht. Ergebnis: nur lockere Zusammenhänge. Schwere Gewaltdelikte wirken stärker (etwas geringeres Sicherheitsgefühl, höhere Furcht), aber insgesamt sind Effekte moderat.
- Makroperspektive: Entwicklung von Kriminalität vs. Furcht. Für die Schweiz zeigen längere Reihen (z. B. Credit Suisse Sorgenbarometer, Sicherheitsbefragungen): Sicherheitsgefühl stieg, Furcht sank – parallel zum Rückgang objektiver Kriminalität (v. a. 2012–2020). In den letzten drei Jahren gab es teils wieder Anstiege. Insgesamt: Auf Aggregatebene in der Schweiz verlaufen Kriminalität und Furcht recht parallel. In Deutschland gibt es dagegen Phasen rückläufiger Kriminalität bei steigender Furcht.
Kriminalität rangiert im Sorgenbarometer meist nicht ganz oben; die Abfrage ist aber sehr allgemein (z. B. „Ausländeranteil“). Wie gut sind diese Messungen?
Man kann (und soll) messen kritisieren, aber für die Schweiz haben wir erfreulich lange Zeitreihen – nicht nur zur Kriminalstatistik, sondern auch zu subjektiven Indikatoren. Insgesamt deutet es auf einen vergleichsweise sachlichen Diskurs hin (auch wenn sich das rund um „Ausländerkriminalität“ etwas ändert). Zwischen 2012 und 2020 hatten wir einen enormen Kriminalitätsrückgang – über 100 000 weniger Opfer. Das spiegelt sich in Wahrnehmungen. Ob das in einer nervöseren Gegenwart so bleibt, ist offen.
Operationalisierung der Kriminalitätsfurcht
Operationalisierung von Kriminalitätsfurcht: Der „Standardindikator“ (nachts allein unterwegs) ist stark kritisiert – viele erleben diese Situation nie. Was ist der Stand?
Auch ich bin abends lieber auf dem Sofa – viele können die Situation gar nicht gut einschätzen. Deshalb braucht es ergänzende Messungen. In der Forschung unterscheidet man mittlerweile drei Furchtdimensionen und misst jede über mehrere Items. Das Gesamtbild sollte nie nur auf dem Standardindikator beruhen. Für die Schweiz bleibt der Grundtenor dennoch positiv: Furcht äußert nur ein kleinerer Teil, Vermeidungsverhalten ebenfalls.
Der Standardindikator ist also nicht ideal – aber wegen der Zeitreihen dennoch nützlich?
Genau. Wer Trends untersucht, versucht, Fragen konstant zu halten (Vergleichbarkeit). Schon ein Worttausch kann Ergebnisse verschieben. Ich „schlucke lieber die Kröte“, nicht ganz zufrieden zu sein, habe dafür aber eine lange Zeitreihe mit konsistenten Messfehlern. Gleichzeitig plädiere ich für ein umfassenderes Set: zusätzliche Furchtindikatoren, Wahrnehmungen, punitive Einstellungen (z. B. Haltung zur Todesstrafe – zuletzt wieder etwas gestiegen). Das ergibt gemeinsam ein Bild davon, wie die Bevölkerung über Kriminalität denkt.
Sollte man nicht stärker auf tatsächliches Verhalten abstellen – also Vermeidungsverhalten?
Unbedingt – und das tut man (konative Furcht). Leider noch nicht so regelmäßig wie den Standardindikator. Man fragt etwa: Meidest du abends ÖV? Trägst du Pfefferspray/Waffen? Lässt du die Wohnung bewohnt wirken? Das bleibt Selbstbericht mit Erinnerungsverzerrungen. Andere Datenquellen (GPS/Apps) wären datenschutzrechtlich heikel und erfassen viele Vermeidungsformen nicht (z. B. Waffenmitnahme). Klassische Befragungen bleiben wertvoll – Innovation ist willkommen.
Weitere Korrelate: Medien. Fühlen sich Menschen unsicherer, wenn sie viel Kriminalitätsberichte konsumieren?
Wir haben nun zwei Faktoren erwähnt (Opfererfahrung, Nachbarschaft) – beide weniger wichtig als Medien. In einer Rangfolge lägen Opfer (Platz 4), Nachbarschaft (Platz 3), Medienkonsum (Platz 2). Unsere Kriminalitätsbilder sind mediengeprägt. Boulevardformate, die spektakulär berichten und stark opferzentriert emotionalisieren, erhöhen Furcht und führen zu Überschätzungen der Kriminalitätsentwicklung. Für soziale Medien gibt es noch wenig Forschung; meine Vermutung: Je mehr Kriminalitätscontent im Feed, desto stärker die Überschätzung und Furcht. Die Unterscheidung „Boulevard vs. Niveau“ verschwimmt dort.
Kausalität: Wählen ängstliche Menschen eher Boulevardmedien – oder machen Medien ängstlich?
Beides kommt vor. Längsschnittstudien (z. B. aus Deutschland) zeigen aber kausale Effekte des Medienkonsums auf Furcht – nicht nur umgekehrt. Natürlich wirken Familie, Umfeld, Diskussionen mit – es ist nie monokausal.
Haben besonders „realitätsnahe“ Medien (Video) stärkere Effekte als Print?
Effekte finden sich über Formate hinweg. Wichtig ist eher die Qualität: Niveau- vs. Boulevardjournalismus. Entscheidend ist die Kontextualisierung: Wer spektakuläre Fälle einordnet („Wie selten ist das? Wie entwickeln sich Raten?“), verstärkt Furcht weniger. Beispiel: Bei Mord/Totschlag sind die Fallzahlen in der Schweiz seit Jahren relativ konstant (max. ~50 pro Jahr); Anstiege gibt es eher bei schwerer Körperverletzung. Migration korreliert über Jahre eher mit rückläufiger Kriminalität. Solche Einordnung ist Aufgabe der Medien.
Was ist eine „legitime“ Kontextualisierung? Soll man die Nationalität von Tatpersonen nennen?
Nationalität ist keine Ursache von Kriminalität – allein deshalb ist sie meist irrelevant. In Deutschland gilt die Leitlinie: Nenne Herkunft nur, wenn sie in einem Erklärungszusammenhang steht (was in ~99 % nicht der Fall ist). „Immer nennen“ ist keine Lösung: „Schweizer Täter“ wird überlesen, „ausländischer Täter“ erhält überproportionale Aufmerksamkeit. Grundsätzlich ist Zurückhaltung in der Täterberichterstattung sinnvoll (auch wegen möglicher Nachahmungseffekte).
Kriminalitätsfurcht und Geschlecht
Weitere Korrelate, die wir noch nicht hatten: Geschlecht. Frauen berichten deutlich höhere Furcht – warum?
Ich setze auf Platz 1 der Einflussfaktoren Persönlichkeit und persönliche Merkmale: generelle Ängstlichkeit, wahrgenommene Vulnerabilität („Ich kann mich nicht wehren, ich würde besonders leiden“). Hier liegt auch die Erklärung des Geschlechtereffekts: Frauen schätzen – teils realistisch – ihre Verletzbarkeit höher ein. Eher konservative Personen berichten zudem häufiger Furcht als eher liberale.
Frauen haben zusätzlich das „Damoklesschwert“ sexueller Übergriffe im Kopf – als potenzieller Zusatz zu anderen Delikten (z. B. Raub). Menschen fürchten teils Delikte, für die ihr objektives Risiko sehr gering ist (z. B. getötet zu werden). Wir Menschen sind schlecht im Schätzen seltener Wahrscheinlichkeiten und überschätzen Risiken eher – evolutionär nicht unplausibel.
Läuft man damit nicht Gefahr, Furcht als irrational abzutun? Über die Lebenszeit kumuliert die Wahrscheinlichkeit ja doch.
Über die Lebenszeit steigen kleine Risiken – aber sie bleiben klein. Ich würde eher sagen: Wir nehmen Furcht teils zuernst. Sie hängt von vielem ab, das nichts mit realen Kriminalitätswahrscheinlichkeiten zu tun hat. Gleichwohl steht „Sicherheitsgefühl stärken“ politisch recht weit oben. Die Polizei kann Furcht aber kaum direkt reduzieren (sie gestaltet weder Medien noch Persönlichkeitsmerkmale).
Bei Sexualdelikten ist die Prävalenz (z. B. Belästigung) jedoch nennenswert. Wie passt das zusammen?
Bei sexueller Belästigung stimme ich zu: zu verbreitet, hier braucht es Anstrengungen. Bei schwerer sexueller Gewalt sind spektakuläre Zahlen oft methodisch fragwürdig (Beispiel: eine frühere Amnesty‐Schätzung zur Schweiz). Repräsentative Daten (Crime Survey 2022): Fünfjahresprävalenz schwerer sexueller Gewalt um ~1 %. Das ist nichts Alltägliches – aber Belästigungen und sexuell konnotierte Herabsetzungen sind zu häufig.
Massnahmen gegen Kriminalitätsfurcht
Was kann man gegen Kriminalitätsfurcht tun – und muss man überhaupt etwas tun? Wer ist gefragt?
Die Frage „muss man“ ist berechtigt. Ich meine: Ja, denn weit verbreitete Furcht führt zu politischen Forderungen, die oft punitiv ausfallen (mehr Kontrolle, neue Straftatbestände, „Härte“ gegenüber Jugendlichen oder Ausländer*innen). Das ist häufig der falsche Ansatz; hilfreicher sind Aufmerksamkeit, Beziehung, Dialog.
Hebel:
- Medien: sachlich, neutral, kontextualisiert berichten; sachliche Stimmen bei „Ausländerkriminalität“ zu Wort kommen lassen.
- Stadtentwicklung: Angsträume abbauen (Beleuchtung, Einsehbarkeit, offene/begrünte Räume). Das hilft zumindest denen, die die Räume noch nutzen. Die Schweiz hat kein „Detroit“ – aber Menschen orientieren sich an ihrem Alltag, nicht an Extremen. Man sollte der Bevölkerung zuhören (Befragungen, öffentliche Anlässe) und gemeldete Angsträume gezielt angehen.
Danke vielmals für das spannende Interview, Dirk.
Sehr gern.